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Kurier am Sonntag vom 06.05.07

"Wir kümmern uns zu wenig"

Reinhard Grindel über Killerspiele und eine notwendige Kultur des Hinsehens

Nach dem fünften Jahrestag des Amoklaufs in Erfurt wird wieder der Ruf nach dem Verbot von so genannten Killerspielen laut. In der Diskussion um brutale Computerspiele wird jedoch eines vernachlässigt, meint der Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel (CDU): die Verantwortung der Händler sowie die Vorbeugung in Elternhaus und Schule. Mit dem Abgeordneten Aus Rotenburg sprach unser Redaktionsmitglied Ulrike Prange.

Frage: In der vergangenen Woche hat sich der Amoklauf von Erfurt zum fünften Mal gejährt. Was hat sich seitdem verändert?
Reinhard Grindel:
Die Frage der sozialen und emotionalen Verwahrlosung von Jugendlichen in Familien ist stärker in das Bewusstsein gerückt. Der reflexartige Ruf nach dem Gesetzgeber ist der Erkenntnis gewichen, dass die Gründe für solche Taten viel tiefer liegen. Die Erziehungskompetenz der Eltern reicht oftmals nicht aus und mündet in ein Desinteresse am Leben und an den möglichen negativen Entwicklungen des Kindes. Wir müssen überprüfen, ob die Anwendung von Gesetzen und Vorschriften des Jugendmedienschutzes funktioniert, die Ursachenbekämpfung aber viel tiefer ansetzen.

Die SPD lehnt vorschnelle Verbote ab und fordert, den Handel in die Pflicht zu nehmen - ist das auch die Position der CDU?
Wir sind in der Union in einem Diskussionsprozess. Wir haben, was das Strafrecht und den Jugendmedienschutz angeht, ausreichende Vorschriften. Aber wir haben ganz offensichtlich Defizite beim Vollzug der Gesetze. Wir brauchen eher eine gesellschaftliche Debatte über die Ursachen der wachsenden Gewaltbereitschaft Jugendlicher.

Reichen die freiwillige Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) und Indizierung aus oder gibt es weitere Ansatzpunkte?
Sicher sollte die Zahl der Indizierungen erhöht werden, damit für bestimmte Spiele keine Werbung stattfindet. Wir müssen außerdem zusammen mit Handel und den Herstellern auch über technische Sicherungen reden - zum Beispiel an Geräten Vorkehrungen treffen, dass nur bis zu einer gewissen Altersgrenze Spiele abgespielt werden können oder die Dauer der Gerätenutzung begrenzt werden kann. Beim Erwerb von Spielen an der Kasse sollte die Alterskennzeichnung deutlich sichtbar werden, damit sich die Kassierer einen Ausweis zeigen lassen können. Wir müssen auch darüber nachdenken, inwieweit die obersten Landesjugendbehörden stärker in die Arbeit der USK eingebunden werden. Die Länder schicken zwar Sachverständige in die USK. Sie machen aber noch zu wenig davon Gebrauch, durch Vetos Entscheidungen der USK einfach mal anzuhalten, um im Einzelfall auch mit der Bundesprüfstelle oder mit Experten Rücksprache zu nehmen, ob die Einstufung durch die USK korrekt ist.

Die Arbeitsweise der USK muss also geändert oder wenigstens erweitert werden?
Ein wichtiger Aspekt der USK kann die Beratung der Hersteller sein. Es sollen die Bedingungen vorab geklärt werden, wenn ein Hersteller eine bestimmte Alterseinstufung anstrebt. Die USK muss von sich aus Beratungsangebote schaffen. Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter und Jugendhelfer haben wenig Möglichkeiten, schnell und unbürokratisch fachmännischen Rat zu bekommen. Wie man mit Kindern und Jugendlichen umgeht, die intensive Konsumenten dieser Spiele sind - bei diesen Fragen kann die praktische Arbeit der USK noch professioneller werden.

Wie lautet die aktuelle Einschätzung der Experten?
An den Anfang der Problembekämpfung gehört die Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern. Dazu gehört, dass Eltern mit ihren Kindern die Computerspiele spielen, um sich selber einen Eindruck zu verschaffen und mit den Kindern zu reden. Lehrer müssen sich im Bereich Neue Medien besser fortbilden. Gesetzesänderungen oder Verbote können auch eine Pseudosicherheit schaffen, denn es gibt durch das Internet oder durch ausländische Anbieter viele Umgehungsmöglichkeiten. Wir haben ein Gesetz geändert und damit auch das Problem beseitigt - das ist in diesem Bereich nicht so. Außerdem müssen wir mit den Herstellern und dem Handel über eine neue Kultur der Selbstverantwortung sprechen. Auch dem Handel muss bewusst sein, dass er eine gesellschaftliche Verantwortung trägt.

Wer aber ein Spiel unbedingt haben will, bekommt es meist auch - zum Beispiel durch ältere Geschwister oder Freunde.
Daran sieht man, dass die Ursachenbekämpfung beim Jugendlichen ansetzen muss. Wir müssen an das Grundproblem heran: Warum spielen Kinder und Jugendliche solche Spiele so intensiv? Medienkompetenz in der Schule zu lernen, steht an erster Stelle. Denn gerade dort wirken sich Gewalt oder Killerspiele auf Schulnoten, die Fähigkeit, dem Unterricht zu folgen oder das Verhalten auf dem Schulhof aus.
Wenn einem Lehrer auffällt, dass ein Kind permanent müde und unkonzentriert ist, schlechte Noten schreibt, plötzlich aggressiver auftritt, ist das Anlass, sich zu kümmern. Das ist ohnehin ein Problem: dass wir uns zu wenig kümmern.
Der Amokläufer von Emsdetten ist zwei Jahre in Kriegsmontur durch den Wald gelaufen. Niemand hat sich für seine soziale Desorientierung interessiert.

Sind Pauschalverbote und Vorverurteilungen von Spielen überhaupt gerechtfertigt?
Entscheidend ist folgende Formel: Nicht jeder Counter Striker wird gewalttätiger Amokläufer. Aber diejenigen, die Amok gelaufen und gewalttätig geworden sind, haben solche Spiele gespielt. Intensive Mediennutzung hat bei Jugendlichen in prekärer Lage eine verstärkende Wirkung. Genau wie eine Kultur der Selbstverantwortung im Handel brauchen wir auch eine Kultur des Hinsehens bei Eltern, Lehrern und Freunden.

Ist es nicht zu kurz gedacht, die Kompetenz der Eltern bei intensiv spielenden Kindern anzuzweifeln?
Eltern müssen merken, wenn ihre Kinder drei oder vier Stunden im Kinderzimmer verschwunden sind. Und dann gibt es zwei Reaktionen: Entweder man freut sich, dass das Kind nicht zur Last fällt, oder man geht ins Kinderzimmer und guckt, was das Kind macht. Ich votiere für die zweite Variante. Und wenn Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern auftreten, kann man natürlich als Lehrer eine schlechte Zensur geben. Oder man kann hingehen und sich auseinander setzen. Die richtige Prävention muss beim Jugendlichen ansetzen.

Können Sie nachvollziehen, was beim Spielen in den Köpfen vorgeht?
Ich bin über das Moorhuhnschießen nie hinausgekommen. Ich habe aber dabei gemerkt, wie schnell solche Spiele eine gewisse Faszination, einen Reiz auslösen. Mir ist an mir selbst aufgefallen, dass da schnell eine suchtartige Verengung der Gedankenwelt entstehen kann. Bei Jugendlichen, die problembeladen sind und ihr Leben nicht im Griff haben, kann die Fokussierung auf Killerspiele abweichendes Verhalten dramatisch verstärken.

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