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DFB-Journal (3/2011) vom 03.11.11

Interview mit dem DFB-Beauftragten Reinhard Grindel

„Für Korruption darf kein Platz sein“

Anfang des Jahres hat der DFB die Kommission Nachhaltigkeit ins Leben gerufen, die sich mit der Sicherung eines wertorientierten Fußballs und damit auch der Zukunft des Kerngeschäfts mit all seinen Facetten befasst. Die Kommission stützt sich besonders auf externe Experten und damit auf Menschen, die sich durch ihre Kompetenz, ihre Berufserfahrung und ihr Engagement schon immer stark dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet haben. Das DFB-Journal wird in seinen kommenden Ausgaben die einzelnen Bereiche, deren Aufgaben und Funktion vorstellen. Den Auftakt bildet der Bereich der Anti-Korruption, für den Reinhard Grindel zuständig ist. Im Gespräch mit DFB.de-Redakteur Thomas Hackbarth spricht der 50-jährige Jurist und Politiker über seine Aufgaben. Und über die Vorbildfunktion des Fußballs.

Was macht eigentlich genau der Anti-Korruptionsbeauftragte des DFB?
Zunächst arbeitet er in der Kommission Nachhaltigkeit des DFB mit, die das Präsidium nach dem letzten Bundestag in Essen berufen hat. Es ist ein ganz zentrales Anliegen unseres Präsidenten Dr. Theo Zwanziger, dass der DFB auf allen Ebenen seiner sozialen und gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht wird. Im Kern müssen wir erkennen, dass es um die Zukunft des DFB und des Fußballs geht. Wenn wir zum Beispiel für einen fairen und sauberen Fußball ohne Spielmanipulation und Wettbetrug eintreten, dann tun wir das, weil unser Sport nur so attraktiv bleibt.

Und nur so Vorbildfunktion hat?
Richtig. Um unsere Kinder und Jugendliche für den Fußball zu begeistern, darf für Zockermentalität und Korruption im Fußball kein Platz sein. Deshalb ist der Kampf gegen Spielmanipulation und Wettbetrug sicher der wichtigste Teil meiner Arbeit. Aktuell kommen weitere Herausforderungen hinzu. Denken Sie etwa an die Reformvorhaben in der FIFA und das Thema Hospitality und Strafrecht, also die notwendigen Konsequenzen aus dem berühmten „Utz Claassen-Urteil“ des Bundesgerichtshofes, bei dem es im Kern darum ging, wann eine Einladung von Amtsträgern im Fußball strafrechtlich relevant sein kann.

Bleiben wir beim Thema Wettbetrug. An welche Maßnahmen ist gedacht?
Ich will es einmal etwas plakativ sagen: Wir brauchen mehr Prävention und mehr Repression. Mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Vereinigung der Vertragsspieler haben wir Kooperationspartner gefunden, mit denen wir ein Präventionsprogramm für unsere Stützpunktkoordinatoren starten. In einem zweiten Schritt wollen wir die 12- bis 15-Jährigen in unseren Talentförderprogrammen und die Verantwortlichen in den Vereinen von der 3. Liga bis zur Oberliga und den A- und B-Junioren- Bundesligen erreichen.

Wie soll das umgesetzt werden?
Kommunikations- und Schulungsaufgaben sind für uns eine Daueraufgabe. Es geht darum, Trainer, Schiedsrichter, Offizielle, aber auch Eltern und junge Spieler selbst zu sensibilisieren und ein Rüstzeug mit auf den Weg zu geben, wie mit Gefährdungssituationen umzugehen ist. Unsere hauptamtlichen Mitarbeiter haben hier sehr gute Konzepte erarbeitet, die wir jetzt in die Verbände und Vereine weitertragen. Es gibt keinen anderen Fußballverband, der mit einem so breiten Präventivprogramm ansetzt. Außerdem verbessern wir fortlaufend die technischen Frühwarnsysteme im Zusammenwirken mit Sportradar. Und ich begrüße es, dass die UEFA jetzt für eine bessere Vernetzung von Informationen in Verdachtsfällen sorgen will.

Und was sind bessere Maßnahmen im Bereich Repression?
Mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir im DFB nicht bei null anfangen. Schon nach dem „Fall Hoyzer“ haben wir Konsequenzen gezogen und in unser Regelwerk ein umfassendes Wettverbot aufgenommen. Spielern, Trainern, Funktionären und Schiedsrichtern sind Wetten in Wettbewerben verboten, in denen ihre Mannschaften beteiligt sind bzw. in denen sie eingesetzt werden. Es gibt auch eine Mitteilungspflicht bei Anbahnungsversuchen. Wir werden im engen Dialog mit der Liga prüfen, ob wir hier weitergehende Präzisierungen im Regelwerk brauchen.

Zeigt die Erfahrung der Fälle Hoyzer und Sapina nicht, dass die Sportgerichtsbarkeit und die Staatsanwaltschaften enger zusammenarbeiten müssten?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wobei gerade bei komplexen Verfahren im Bereich der organisierten Kriminalität wir als DFB natürlich sehen, dass die Staatsanwaltschaften mit der Herausgabe von Informationen zurückhaltend sind. Andererseits müssen die Justizbehörden dafür Verständnis haben, dass wir in der Sportgerichtsbarkeit oftmals schneller handeln können als die ordentlichen Gerichte, sofern wir von Ermittlungsergebnissen erfahren. Um die Integrität des Wettbewerbs zu wahren, sind schnelle Reaktionen nötig. Es wäre wünschenswert, wenn der DFB wie ein Geschädigter im Strafverfahren behandelt werden und dementsprechend schneller Akteneinsicht erhalten könnte. Um für eine vertrauliche Zusammenarbeit zu sorgen, wäre auch daran zu denken, dass die Bundesländer Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wettbetrugsverfahren einrichten.

Was versprechen Sie sich davon?
Dann hätten unsere Verantwortlichen auf der Sportgerichtsebene feste Ansprechpartner bei den Staatsanwaltschaften, was die Qualität der Zusammenarbeit sicher verbessern würde. Wir haben über dieses Thema gerade mit einigen Landesjustizministern gesprochen. Es geht uns auch aus Gründen der Abschreckung einfach darum, zu verdeutlichen, dass wir in Deutschland optimal aufgestellt sein wollen und schnell handlungsfähig sind.

Ein wichtiges Thema ist Hospitality. Ende September haben DFB und DFL in Berlin dazu eine Selbstverpflichtungserklärung vorgelegt. Weshalb braucht man sie?
Wir haben in Deutschland wohl die modernsten und schönsten Stadien der Welt mit VIP Bereichen, in denen es zwischen Geschäftspartnern oder auch mit Vertretern des öffentlichen Lebens zu Kontakten kommt. Das ist grundsätzlich als normales Instrument der Beziehungspflege und des gemeinsamen emotionalen Erlebnisses eines Fußballspiels gesellschaftlich anerkannt. Der Fußball hat eine unglaubliche Integrationskraft und fasziniert weite Teile der Bevölkerung. Er lebt auch von Sponsoren, und insoweit gehört zu PR-Maßnahmen auch die Loge oder der Business-Seat im Stadion. Aber für die Glaubwürdigkeit des Fußballs ist es von zentraler Bedeutung, dass beim Umgang mit diesen wertvollen Karten Recht und Gesetz strikt eingehalten werden. Insoweit dürfen wir es nicht zulassen, dass die Faszination des Fußballs für korrupte Zwecke missbraucht wird, wie wir auch Korruption im Verein und bei Spielern nicht dulden. In der Selbstverpflichtungserklärung legen diejenigen, die Einladungen zu Fußballspielen aussprechen, ihre Bedingungen dafür offen.

Was heißt das konkret?
Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen der Einladung unter Geschäftspartnern und der Einladung eines Amtsträgers. Bei Einladungen innerhalb der Privatwirtschaft gibt es nur eine Fallkonstellation, die rechtlich problematisch ist: Wenn eine konkrete Vergabeentscheidung ansteht, muss darauf geachtet werden, dass durch die Einladung nicht in unlauterer Weise der freie Wettbewerb beeinflusst wird. Eine Einladung zur Klimapflege bei laufenden Geschäftskontakten oder an den Inhaber eines Unternehmens ist dagegen generell zulässig.

Und bei der Einladung von Amtsträgern?
Dabei gilt es, strikt jeden Anschein der Beeinflussung von Verwaltungshandeln zu vermeiden. Bei anstehenden behördlichen Entscheidungen sind unmittelbar oder mittelbar beteiligte Personen auf gar keinen Fall einzuladen. Selbst wenn erst in der Zukunft Verwaltungsentscheidungen anstehen könnten, ist von einer Einladung Abstand zu nehmen, weil nicht der Eindruck entstehen darf, man wolle das Wohlwollen eines Beamten gewinnen. Unbedenklich ist eine Einladung nur dann, wenn sie bei herausgehobenen Vertretern des öffentlichen Lebens ausschließlich zu Repräsentationszwecken erfolgt oder der Amtsträger von seiner vorgesetzten Dienststelle eine Genehmigung zum Besuch der Veranstaltung eingeholt hat.

Es wird immer wieder die Forderung nach mehr Rechtssicherheit erhoben. Müssen nicht Änderungen im Korruptionsstrafrecht her?
Wir brauchen Rechtssicherheit, damit die über 30.000 Besucher von VIP-Bereichen, die an jedem Wochenende Fußballspiele anschauen, nicht das Gefühl haben, mit einem Bein im Stadion und mit dem anderen im Gefängnis zu sitzen. Aber jede Eingrenzung des Korruptionsstrafrechts würde die Gefahr beinhalten, dass strafwürdiges Verhalten vielleicht nicht mehr erfasst werden könnte. Der DFB kann nicht die Hand zu einer Lockerung des Korruptionsstrafrechts reichen. Was wir brauchen, sind Leitplanken, an denen sich Einladende, die Eingeladenen und auch die Staatsanwaltschaften orientieren können. Sowohl mit unserer Selbstverpflichtungserklärung, die der DFB gemeinsam mit der DFL entwickelt hat, als auch mit dem Leitfaden „Hospitality und Strafrecht“ des DOSB und der S20 setzen wir solche Leitplanken. Wir sollten jetzt einmal abwarten, ob diese Initiativen für mehr Rechtssicherheit sorgen und von der Praxis so positiv aufgenommen werden, wie wir uns das erhoffen.

Wird nicht aber mit der VIP-Logen-Vermarktung einer unguten Kommerzialisierung des Fußballs Vorschub geleistet?
Nein, ganz im Gegenteil. Einmal trifft das Thema Hospitality nicht nur den Fußball, sondern besonders stark auch den Kulturbereich, wo ähnliche Sponsoring-Maßnahmen üblich sind und die gleichen Unsicherheiten bestehen. Zum anderen muss man eines wissen: In Deutschland gibt es im Verhältnis zur englischen Premier League oder zur spanischen Primera Division deutlich günstigere Eintrittspreise. Das liegt an der Quersubvention durch die Logenplätze und Business-Seats. Die VIP-Bereiche machen zwar nur rund sechs Prozent der Stadionkapazität, aber etwa 52 Prozent der Ticketingerlöse aus. Unsere sehr moderaten Eintrittspreise in der Bundesliga oder auch bei den Spielen der Nationalmannschaft würden in Gefahr geraten, wenn wir Einbrüche beim Hospitality-Bereich hätten.


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