Einbindung 1. Bild Einbindung 2. Bild Einbindung 3. Bild Einbindung 4. Bild Einbindung 5. Bild Einbindung 6. Bild
  • Schrift vergrößern
  • Schrift vergrößern
  • Standard wiederherstellen
  • Schrift verkleinern
  • Schrift verkleinern
 
Sie sind hier: Presse

Presse


zurück

Rede vom 30.08.09

Rede zum Thema „Hermann Löns als Journalist“

anlässlich der Feierstunde am Löns-Grab am 30. August 2009 in Walsrode

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Lorenz,
sehr geehrte Frau Vorsitzende Seidel,
meine Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre zugleich, heute die traditionelle Löns-Rede halten zu dürfen.

„Hermann Löns als Journalist“ ist ein sehr passendes Thema meiner Rede, denn zum Einen bin ich selbst im Zivilberuf Journalist und zum Anderen hat Hermann Löns seine glücklichste Zeit als Journalist beim „Hannoverschen Anzeiger“ und der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ verbracht, die bis heute den Mantelteil der Walsroder Zeitung liefert. „Mantelteil“ ist dabei kein Ausdruck aus dem Schneiderhandwerk, wie Hermann Mackenthun zweifelsohne bestätigen könnte, sondern damit ist der überregionale Teil einer Lokalzeitung gemeint, die sich aus Kostengründen keine überregionale Redaktion mit nationalen und internationalen Korrespondenten leisten kann. Man könnte also etwas verwegen behaupten, Hermann Löns hat schon früh für die Walsroder Zeitung geschrieben.

Dass Hermann Löns zum Hannoverschen Anzeiger kam, der 1893 gegründet worden war, verdankte er nicht seinem schriftstellerischen Talent, sondern seiner ersten Frau Elisabeth. Der damalige Verleger August Madsack, dessen Name der Verlag in Hannover bis heute trägt, hatte ihn nämlich zunächst abgelehnt. Erst die mutige Intervention seiner Frau Elisabeth, die ansonsten immer als sehr brav und zurückhaltend beschrieben wird, bei Madsack, es mit Löns doch mal zu versuchen, stimmt den Verleger um. Es sollte für Madsack ein glänzendes Geschäft werden, denn nur einige Zeit später abonnierten viele Hannoveraner das Blatt vor allem wegen der Glossen und angriffslustigen Gedichte von Hermann Löns. Der Rückgang der Auflage in unseren regionalen Zeitungen mag also auch damit zusammenhängen, dass man dort heutzutage Glossen und erst recht angriffslustige Gedichte vermisst.

Löns´ Biographen schreiben wahrscheinlich deshalb so von dem positiven Einfluss seiner Frau, weil er in Hannover sehr fleißig, geradezu die Zuverlässigkeit in Person gewesen sei, was bei vorherigen journalistischen Stationen in Kaiserslautern und Gera so nicht der Fall gewesen sein soll. Nun mag man dazu auch sagen, dass man diese beiden Städte vielleicht mit reichlich Wein und Schnaps deutlich besser ertragen kann. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

In Kaiserslautern jedenfalls ist er 1891 für die „Pfälzische Presse“ tätig, für 60 Mark im Monat als Hilfsredakteur, was man heute wahrscheinlich einen festen-freien Mitarbeiter nennen würde. Löns beklagt sich, dass er von einem Termin zum anderen „herumgeschleudert“ werde. Sonntag: Versammlung der Pferdezüchter, Montag: freisinnige Versammlung, Dienstag: Orchesterverein, Mittwoch: Geflügelzüchter, Donnerstag: Sozialdemokraten, Freitag: wissenschaftlicher Verein, Samstag Gewerbeverein, Sonntag: Mozartfeier. Besonders beklagt sich Löns über die langatmigen Sitzungen des bayrischen Landtags („großartige Blechquatscherei, da die Herren pro Tag und Nase 10 Mark bekommen und sich hüten werden, kurz zu sein“). Als es später immer wieder zum Streit mit dem Chefredakteur kommt, verlässt er die Zeitung, wobei man mit der Qualität seiner Beiträge sehr zufrieden war, es fehlt aber an Disziplin, wird von Biographen berichtet, ein Vorwurf, der über den jungen Hermann Löns durchaus ab und zu einmal zu lesen ist. Danach wird er von einem Freund, Eduard Clement, einem späteren Landtagsabgeordneten, bei einem Parteiblatt der SPD untergebracht, der „Reußischen Tribüne“ in Gera. Es war damals üblich, dass die Parteien über Zeitungen verfügten, dies hat sich bezogen auf die Hannoversche Allgemeine Zeitung bis heute übrigens so gehalten.

Nun gibt es einige Unklarheiten in den verschiedenen Biographien und Darstellungen über Löns, denn es ist davon die Rede, jener Eduard Clement habe ihn dazu angehalten, SPD-Mitglied zu werden, weil dies die Voraussetzung für eine Beschäftigung bei dem Parteiblatt gewesen sei.

Viele Löns-Experten werden von einer solchen Parteimitgliedschaft in seiner Autobiographie nicht gelesen haben. Ein Biograph schreibt dazu: „Vielleicht ist die Mitgliedschaft überhaupt nicht wirksam geworden, vielleicht gab es nur eine mündliche Zusage an Clement, der den Freund auf seine politische Seite ziehen wollte.“

Nach der nur dreiwöchigen Stippvisite in Gera geht Löns in seiner wirtschaftlichen Not als Berichterstatter für mehrere Zeitungen nach Hamburg. Dort wütet gerade die Cholera, und die meisten Reporter der auswärtigen Zeitungen haben die Stadt verlassen. Hermann Löns beweist aber Mut und berichtet aus den Elendsvierteln der Hansestadt.

Eine Lösung für seine wirtschaftliche Lage ist diese Reportertätigkeit allerdings nicht, denn sie bringt ihm so wenig ein, dass er nebenbei als Krankenpfleger arbeiten muss. Mancher freie Mitarbeiter einer hiesigen Zeitung wird jetzt wahrscheinlich verständnisvoll nicken, denn Reichtümer lassen sich mit Zeilenhonoraren nicht verdienen. Fünf Pfennig je Zeile werden damals bezahlt. Nach heutiger Kaufkraft ist das Zeilenhonorar nicht viel üppiger. Etwas Geld lässt sich mit Fotos verdienen, was damals im ausgehenden 19. Jahrhundert natürlich noch nicht so der Fall war. Die Zeitungen damals darf man sicher eher als Bleiwüsten bezeichnen, wie man das heute nennen würde. Löns hielt sich dadurch über Wasser, dass er mit Kollegen anderer Zeitungen Artikel austauschte und auch seine Frau einspannte, die für ihn Termine besuchte und ihm dann berichtete. Auch diese beiden Methoden zur Erhöhung des redaktionellen Ausstoßes sind bis zum heutigen Tage unter freien Mitarbeitern nicht völlig unbekannt.

Sie kennen im Übrigen vielleicht den Journalistenspruch „Woran erkennt man einen guten und einen weniger erfolgreichen Journalist? Der gute Journalist geht zu den Terminen, wo es gutes Essen und Trinken gibt. Der weniger erfolgreiche nimmt zu solchen Terminen Frau und Kinder mit.“

1893 beginnt Löns dann aber seine journalistische Arbeit beim „Hannoverschen Anzeiger“ und bereits nach knapp einem Jahr veröffentlicht er zum ersten Mal Anmerkungen in einer Kolumne unter dem Namen, unter dem er in Hannover so populär geworden ist: Fritz von der Leine. Damit wurde er so berühmt, wie vor und nach ihm kein anderer Journalist der damaligen Zeit. Zehn Jahre schrieb er diese Kolumne, Woche für Woche. Vielleicht sollte man dem hiesigen Chefredakteur ähnliches Anraten: „Eckart von der Aller“ wäre doch ein schönes Pseudonym.

Verleger Madsack bescheinigte Löns jedenfalls, durch seine Wochenendkolumnen „eine ganz besondere Wechselwirkung zwischen Zeitung und Publikum erreicht zu haben.“ Diese Kolumne verfasste er übrigens nicht nur in Prosa, sondern oftmals auch in Versform.

Das Ganze las sich dann wie folgt: ich zitiere aus einer Kolumne über die neue Markthalle und die Versuchungen, die von ihr ausgehen – Achtung: sollten Gleichstellungsbeauftragte oder Frauenrechtlerinnen unter uns sein, bitte ich das Ganze vor dem Hintergrund des Umstandes zu bewerten, dass dieser Text aus dem Jahre 1894 stammt:

„Welches Frauengemüth kann dem Buhlen einer Kalbskeule, dem zarten Flehen der frischen Butter, dem stummen, aber beredten Blicke eines Schellfisches widerstehen? Darum, ihr Ehemänner, denkt nicht schlecht von der Kaufsucht eurer Liebsten, bedenkt die verführerische Atmosphäre der Bierstube und verstummt.“

Hermann Löns´ Plaudereien sind durchaus politisch. Er verspottet Reichstagsabgeordnete, insbesondere als es um die Erhöhung der Tabak- und Bierpreise geht, und man fühlt sich an die gut 100 Jahre später geführte Diskussion um das Nichtraucherschutzgesetz erinnert: „Ein Volksschmerz, ein tiefer echter nationaler Gemüthschmerz prägt sich in die Mienen der Söhne Germaniens aus – die echten Raucher sehen eine wolkenlose, ungemüthliche Zukunft vor sich…“

Löns befasst sich aber durchaus auch mit einer Vielzahl von kommunalpolitischen Themen wie der Stadtentwicklung Hannovers, der Fragwürdigkeit der Hundesteuer, denn es gebe ja auch keine Pferdesteuer, er macht sich über soziale Fragen und den Mittelstand Gedanken und die innere Sicherheit, wie man das heute nennen würde. „Wenn die Regierung nicht will, dass Hannover immer mehr in den Ruf einer unsicheren Stadt kommt, so gebe sie der Polizei das genügend geschulte Personal zur Bekämpfung der öffentlichen Unsicherheit“, fordert er. Innenminister Uwe Schünemann könnte es heute wohl nicht treffender formulieren.

Im Spätsommer 1903 fanden in Hannover Bürgervorsteherwahlen statt. Mitte September gibt Löns – nachzulesen in der Magisterarbeit von Uwe Kothenschulte – in einem Leitartikel „Kommunale Wahlrezepte“ wie „die Männer sein müssen, die die Bürger auf das Rathaus schicken.“ An erster Stelle steht für Hermann Löns völlige finanzielle Unabhängigkeit. Der Bürgervorsteher dürfe nicht gezwungen sein, aus seinem Amt ein Geschäft zu machen. Dann erst verlangt Löns, er müsse „von weitem Blick“ und „gründlicher Bildung“ sein. Diese Bildung könne übrigens auch auf „praktischer Lebenserfahrung“ und „persönlicher Weiterbildung“ beruhen. Es sei auch überhaupt nicht nötig, dass der Kandidat ein glänzender Redner sei. Der Kandidat müsse sich seine Meinung gut begründen und sie bewahren, auch gegen einen guten Redner. Überhaupt ist er skeptisch gegen „Wirtshausreklame“. „Ein guter Kandidat braucht keine Wahlmache.“

Wer das journalistische Werk von Hermann Löns bewertet, wird übrigens feststellen, dass eine parteipolitische Einordnung seiner Person nur schwerlich möglich ist. In manchen Bewerbungsschreiben bezeichnet er sich selbst als konservativ. Gleichwohl wettert er aber immer wieder aus Anlass von Wahlen dagegen, dass das Gros der Bürgerschaft wahlrechtslos ist. Von den damals 236.000 Einwohnern Hannovers dürfen nur 8.000 Bürger die Bürgervorsteher wählen.

Dadurch, dass Fritz von der Leine auch lokale Missstände anprangerte erweckte er Hoffnungen, die er dann doch in seiner Kolumne dämpfen musste: „Ich möchte die Leser, die mich mit Zuschriften beehrten, bitten, nur Mögliches von mir zu verlangen. Ich allein bin nicht im Stande, eine elektrische Bahn nach Buchholz anzulegen und bitte deshalb höflichst um Entschuldigung.“

Sollte es mir also gelingen, einen Beitrag für einen zügigen durchgehenden Ausbau der Heidebahn zu leisten, könnte man sagen: ich habe das Werk Fritz von der Leines erfüllt. Man muss dazu wissen, dass Hermann Löns in der Stadt und Provinz Hannover unter seinem bürgerlichen Namen damals weit weniger bekannt war als eben als dieser Fritz von der Leine, der sogar Liebesbriefe und Gedichte erhielt, wenn mal urlaubsbedingt seine Plaudereien nicht im Blatt zu finden wahren:

„ Lieber Fritz, es ist abscheulich,
Dass du uns verlassen hast,
Sehnsucht nach dir plagt uns gräulich,
Wo hältst du denn Sommerrast?“
Welcher Redakteur kann von sich behaupten, solche Leserbriefe noch dazu während der urlaubsbedingten Abwesenheit bekommen zu haben?

Aber diese Wochenendplaudereien sind für Hermann Löns Segen und Fluch zugleich. Wer jemals als Journalist eine wöchentliche Kolumne schreiben musste, der wird bestätigen, dass es nichts Leereres gibt, als ein leeres Blatt Papier. So schön die erfolgreiche und gelungene Kolumne am Ende sein mag, so quälend ist der Prozess dahin, bis sie geschrieben ist. Auch Löns wurde immer gereizter, je näher der Freitag rückte, an dem diese Kolumne fertig gestellt sein musste. Kirchenstille hatte zu herrschen – so berichtet seine Frau – um den Frondienst zu erfüllen, wie er das nannte. Und auf die Dauer kosteten die Plaudereien Hermann Löns Nerven und Begeisterung für den Journalismus. Aber auch er hatte den Wunsch, gelesen zu werden und unterlag wahrscheinlich der Eitelkeit, sich einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen zu dürfen. Jedenfalls fing er bereits wenige Wochen nach dem Januar 1904, als die Hannoversche Allgemeine Zeitung eingestellt wurde, unter dem neuen Pseudonym „Ulenspeigel“ beim Hannoverschen Tageblatt wieder an, Wochenendplaudereien zu schreiben. Löns war ein ausgesprochen produktiver Schreiber. Der Druck, schreiben zu wollen, ja schreiben zu müssen, scheint noch größer gewesen zu sein, als die Qual jedes Wochenende etwas Gescheites zu Papier zu bringen, zumal im dies, nach übereinstimmendem Urteil aller Zeitgenossen und Biographen. immer vortrefflich gelang.

Zurück zur Arbeit beim Hannoverschen Anzeiger: Bereits im Oktober 1894 steigt Hermann Löns in der Redaktionshierarchie auf: er wird – heute würde man sagen – Lokalchef des „Anzeigers“. Aber auch Sportberichte – vor allem aus der Welt des Radsports – fertigt er an. Sein Leben spielte sich – wie er selbst schrieb – zwischen Zeitung und Jagd ab. Er beklagte sich aber, dass dieses Leben all zu oberflächlich gewesen sei. Gleichwohl – so schreibt er weiter – „entstand aber urplötzlich inmitten zwischen journalistischen Arbeiten ein Gedicht, das sich sehen lassen konnte.“ Löns´ Biographen meinen, dass sich sein Stil in der Zeit als Journalist formt „und er die kristallene Klarheit erreicht mit der leicht poetischen Überhöhung, wie wir sie in seinen Naturschilderungen finden und schätzen.“ Max A. Tönjes, ein Kollege Löns´, formuliert es so: „Was ihm der Journalismus als Zwang auferlegte, mit wenigen Worten viel zu sagen, ist ihm geblieben. In seinen Schilderungen und ganz besonders in seinen Romanen fällt die wortkarge, aber doch packende Beschreibung von Landschaft, Menschen und Stimmungen auf. Diese Sparsamkeit mit Worten hat er aus der Zeit behalten, da er noch Journalist war.“

Die Reduktion seines Lebens auf Zeitung und Jagd erscheint denn auch verkürzt, weil in der Phase seines Schaffens bei den Zeitungen in Hannover „Das braune Buch“ und andere Beiträge für Sammelbände entstehen.

Dass Hermann Löns durchaus ein auch inhaltlich ambitionierter und keineswegs unkritischer Journalist war – auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht – lässt sich an seinem Wechsel zur „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ im Jahre 1902 erkennen. Aus einer unangefochtenen Position beim Anzeiger verlässt er dieses Blatt aus zwei Gründen. Einmal reizt es ihn, einer neuen Zeitung seinen publizistischen Stempel aufzudrücken, andererseits schreibt er schon bald in einem Kommentar für sein neues Blatt, ihm missfalle die „Gesinnungslosigkeit“ und „die Leisetreterei“ und die „auf die brutalen Instinkte spekulierende Hintertreppensensation“ des „Anzeigers“.

1904 stellt die Hannoversche Allgemeine Zeitung ihr Erscheinen ein. Unter diesem Namen wird später Anzeiger-Verleger Madsack das Blatt wiederaufleben lassen. Hermann Löns schließt sich dem Hannoverschen Tageblatt an, er liefert Naturfeuilletons, kulturelle Beiträge und seine Wochenendplaudereien, die er aber nur noch selten in Versform abfasst und die über den lokalen Bereich hinausgreifen und auch die große Politik umfassen, wahrscheinlich weil dadurch die Themenpalette, über die er schreiben kann, größer und die wöchentliche Qual des Schreibens damit etwas kleiner wird. So treten auch die lokalen Typen „Frau Döllmer“ und „Schorse“ nicht mehr auf, die sonst die Leser sehr erheitert haben.

In den „Ulenspeigel“-Plaudereien befasst sich Löns sogar mit den Reichstagswahlen 1907. Die Glosse enthält u.a. den Satz: „Selbst die Sozialdemokraten, die von der weiteren Zukunft alles erwarten, sehen der diesmonatlichen nicht ganz ohne Bangen entgegen, denn alles will sich gegen sie vereinigen…“ Den Rest lasse ich weg, wegen meines Versprechens der Zurückhaltung in parteipolitischen Fragen. Aber ich darf ihnen versichern: es ist schon erstaunlich, welche Parallelen sich da nach 102 Jahren auftun, man könnte den Löns-Artikel kaum verändert heute in der Walsroder Zeitung abdrucken.

Es fällt schon während seiner Zeit beim Hannoverschen Tageblatt auf, dass er in Briefen an Freunden immer wieder berichtet, dass der Journalismus ihn von seinem „Eigenen“ abhalte, womit zweifelsohne seine dichterischen Ambitionen gemeint sind.

Umso bemerkenswerter und etwas unverständlicher ist es, dass sich Hermann Löns 1907 um den freien Posten des Chefredakteurs der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung in Bückeburg bewarb, obwohl er wohl schon zu Beginn seiner Tätigkeit ahnte, dass der Wechsel von Hannover nach Bückeburg eine erhebliche Umstellung bedeutet. Löns selbst schreibt über seine Tätigkeit in Bückeburg: „Ich war die Großstadt leid. Ich hatte bei all den schönen Versprechungen, die man mir machte, nicht geahnt, dass hier (in Bückeburg RG) außer Setzen und Zeitungsaustragen der Redakteur beinahe alle andere Arbeit zu tun hatte, die es bei einer Zeitung gibt.“

Diese Erfahrung teilt Löns wiederum mit den heutigen Journalisten, die nicht nur selbst fotografieren, sondern seit Neustem teilweise sogar kleine Filme drehen müssen, für so bislang unbekannte Sender, wie „kreiszeitung-tv“. Im Übrigen gehört heute natürlich auch der „Satz“ zu den Aufgaben eines Redakteurs, der sein Blatt im wahrsten Sinne des Wortes „selbst macht“. Innovativ finde ich die Idee, dass die Redakteure ihre Zeitung auch selbst austragen. Damit würde sich eine völlig neue Autor-Leser-Beziehung entwickeln. Der manchmal etwas verzweifelte Ruf von Journalisten: „Ich weiß gar nicht, wie meine Leserschaft eigentlich so aussieht“, würde sich erübrigen…

Hermann Löns hatte sich indes bei seiner Bewerbung in Bückeburg selber als eine Art Allzweckwaffe beim Drucker und Verleger der Zeitung, Heinrich-Grimme, angepriesen. Er betonte, nahezu alle redaktionellen Bereiche zu beherrschen, ansonsten werde ihn auch seine zweite Frau Lisa, eine ehemalige Redaktionssekretärin, unterstützen.

Er machte Vorschläge für die Erhöhung der Wirtschaftlichkeit der Zeitung und ihres optischen Erscheinungsbildes und er betonte, seine guten Kontakte zu interessanten Anzeigenkunden wie Maggi, Continental, Leibnitz u.a.

Nach diesem eindrucksvollen Programm kommt in der Bewerbung Löns´ dann jedoch der Pferdefuß. Er verlangt 6.000 Mark Fixum, eine für die damalige Zeit nahezu astronomische Forderung, wenn es sich auch um das Jahresgehalt handelte. Zur Begründung schrieb Löns relativ offen: „Durch meine Verhältnisse bin ich auf dieses Mindestgehalt angewiesen.“

Löns erhielt die Position und auch das Gehalt. Was er nicht erhielt, und das war der Keim aller Probleme, die sich dann in Bückeburg ergeben sollten, war die Zeit für größere schriftstellerische Arbeiten, was er sich in seiner Zeit in Bückeburg eher erhofft hatte zu bewerkstelligen als in Hannover, mit allen seinen angenehmen Ablenkungen, einschließlich der Jagd.

Löns war unzufrieden in Bückeburg. Lag es an der Enge des Ortes, lag es an der Begrenztheit seiner schriftstellerischen Möglichkeiten unter den Rahmenbedingungen einer Tageszeitung. Ihn drängte es nach mehr, er wollte jetzt Romane schreiben und hatte mit dem „Letzten Hansbur“ damit bereits begonnen.

Der Schriftsteller gewann nun endgültig gegenüber dem Journalisten die Oberhand. In einem Brief an Dr. Castelle schreibt er damals: „Dass ich Jahre lang Journalist war, war gut für mich; man lernt kritisch zu sein. Nun aber, da ich weiß, worauf es ankommt, wünsche ich, ich wäre unabhängig, um einige gute Bücher schreiben zu können.“ Und in der Tat bescheinigen ihm seine Biographen, dass er sich von Buch zu Buch auf den mühevollen Weg vom Journalisten mit der Not zu einer gewissen Oberflächlichkeit, hin zu einem Schriftsteller entwickelt habe, der besonders unmittelbar, exakt und zugleich poetisch zu Werke gegangen sei.

Schon 1906 schrieb Löns: „Es ist mit dem Journalismus wie mit der Luft. Ohne ihn kann ich nicht leben, allein davon mag ich nicht.“

Das darf gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass Löns eine hohe Meinung von der Presse hatte. Die Presse solle wie die Schule sein und das Gute und Nützliche fördern und das Schlechte und Unnütze bekämpfen. „Ein hoher sittlicher und politischer Ernst soll die Grundlage einer Zeitung bilden. Eine gute Zeitung hat durch feste Haltung mehr Erfolg als durch schwächliche Zick-Zack-Taktik. Ich habe mich vom ersten Tag an auf den Standpunkt gestellt, dass die Presse nicht eine Dienerin der Behörden sein soll, sondern eine gleichberechtigte Mithelferin am öffentlichen Leben.

Die alte Journalistenweisheit, wonach in der Kürze die Würze liegt und man keine Romane schreiben solle, befolgte er insofern konsequent, indem er die Schaumburgsche Landeszeitung im März verließ. Offiziell wurde ihm zum Ende des Septembers 1909 gekündigt. Das Institut einer Abfindungsregelung kannte man damals offenbar noch nicht, sondern er dürfte eher mit Bezügen freigestellt worden sein, denn 1909 war ein Jahr ungewöhnlich großer Schaffenskraft, in dem nicht weniger als sechs Bücher aus seiner Feder entstanden. Von August 1909 bis August 1911 war Löns dann nochmals für das „Hannoversche Tageblatt“ als Feuilletonredakteur tätig, aber nur als freier Autor.

Löns journalistische Laufbahn war mit dem Ausscheiden aus der Redaktion des „Tageblattes“ abgeschlossen. Anschließend hat er sich bis zu seinem frühen Tod als Kriegsfreiwilliger ausschließlich seiner schriftstellerischen Arbeit gewidmet, obwohl ihm Berichterstatterposten immer wieder angeboten wurden. Seine angegriffene Gesundheit wäre den starken nervlichen Belastungen einer redaktionellen Tätigkeit aber wohl auch nicht mehr gewachsen gewesen.

Mit Ausnahme seiner Zeit in Gera schrieb Löns also immer für bürgerlich-konservative Zeitungen, wie es seiner Einstellung wohl auch entsprach. Doch er war stets um überparteiliche Sachlichkeit bemüht.

Ehrenlandrat Wolfgang Buhr hat in seiner Festrede 1998 mit Blick auf Hermann Löns frühen Tod an den Satz von Seneca erinnert: „Wen die Götter lieben, den holen sie bald zu sich.“ Dann müssen die Götter vor allem Journalisten lieben, denn die Lebenserwartung von Journalisten ist eher unterdurchschnittlich. Vielleicht gibt es ja da oben den „Walsroder Götterboten“, mit Plaudereien von Fritz von der Leine, Ulenspeigel oder einfach Hermann Löns. Wir wissen es nicht, und allzu schnell wollen wir seine Artikel auch nicht lesen.


zurück


CDU Deutschland CDU/CSU Fraktion Deutschland CDU Niedersachsen CDU Fraktion Niedersachsen
CDU Kreisverband Rotenburg / Wümme CDU Kreisverband Heidekreis  
Heiner Ehlen Mechthild Ross-Luttmann Gudrun Pieper Lutz Winkelmann
Newsletter CDU.TV CDU-Mitgliedernetz  
© Reinhard Grindel MdB